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Wie eine Baptistengemeinde Suchtkranken hilft
"Aufbrechen
95/96" ist als Aktion unseres Bundes beendet. Vielfach wird gefragt:
"Was hat es eigentlich gebracht?" Nicht selten stößt man dann
auf ratlose Gesichter. Der ganz große Durchbruch oder auch nur ein zahlenmäßiges
Anwachsen unseres Gemeindebundes ist nicht eingetreten. War die Aktion also
vergeblich? Ganz und gar nicht, so die Erfahrung der Gemeinde Malchin. Die
positiven Folgen des Aufbruchs hin zu kirchenfremden Menschen sind bis heute
zu spüren und noch längst nicht abgeschlossen.
Malchin, das ist ein rund
10.000 Einwohner zählender Ort in der Mecklenburgischen Schweiz - ein
idyllisches Fleckchen Erde, zwischen dem Kummerower und dem Malchiner See.
Zu DDR-Zeiten wurde hier vor allem Landwirtschaft betrieben. Angebaut wurden
Zuckerrüben und Getreide. Angeblich steht in der Stadt direkt hinter dem
Bahnhof der größte Getreidespeicher Europas. Doch die Landwirtschaft gibt
heute nur noch wenigen Menschen Lohn und Brot. Die Folge ist eine
Arbeitslosenquote auf Rekordniveau. Über 23 Prozent der Einwohner in der
Region sind ohne Beschäftigung.
Ohne die Baptistengemeinde
und "Aufbrechen 95/96" wäre die Arbeitslosenquote in der Stadt
sogar noch etwas höher. Denn die Gemeinde und das von ihr gegründete
Sozialwerk sorgen dafür, daß elf Menschen Arbeit haben. Mindestens genau
so wichtig ist jedoch der Hoffnungsfaktor, den die Gemeinde verbreitet.
Menschen spüren, daß sie hier willkommen sind.
"Das alles ist auch
eine Folge von 'Aufbrechen 95/96'", erläutert Gemeindepastor
Karl-Heinz Schlag und zeigt dabei auf einen typischen DDR-Plattenbau in
einer Wohnsiedlung ganz in der Nähe des jetzigen Gemeindezentrums. In dem
Plattenbau waren früher einmal ein Kindergarten und eine -krippe
untergebracht. Doch als es für die Frauen keine Arbeit mehr gab und sie zu
Hause bleiben mußten, gab es auch für die Kinderkrippe keine
Daseinsberechtigung mehr. Sie wurde geschlossen, und das zweigeschossige
Flachdachhaus verfiel. Die Fenster wurden vernagelt, die Fensterscheiben
benutzten Kinder aus der Umgebung als Zielscheiben zum Steinewerfen.
Damit doch ist es jetzt
vorbei. Die meisten alten Fenster sind durch neue ausgetauscht worden. Im
Haus wird kräftig gearbeitet. Hier entsteht nun ein neues Gemeindezentrum
mit Wohnungen für den Pastor und Kastellan. Doch nicht nur das: Auch eine
offene Teestube soll hier untergebracht werden - vielleicht wird der Raum künftig
sogar als Schülercafe genutzt, da eine Schule gleich in der Nähe ist. Es
entstehen ferner Beratungsräume für Problembeladene, eine Tageswohnstätte
für Obdachlose und eine Großküche, in der kostenlose Lebensmittel aus
Supermärkten kurz vor Ablauf des Verfalldatums im Rahmen eines
"Tafelprojektes" zu schmackhaften Gerichten verarbeitet werden.
Auf dem großen Außengelände soll ein Spielplatz errichtet werden. Soweit
die Planungen.
Wie kam es zu dem Projekt?
Angespornt durch "Aufbrechen 95/96" trug sich die Gemeinde mit dem
Gedanken, ihr Gemeindezentrum in einem Hinterhof in der Bahnhofstraße zu
erweitern. Doch da bot der Bürgermeister der Gemeinde den früheren
Kindergarten an. Zahlreiche andere Interessenten waren abgesprungen, das
Haus ohne Betreuung. Es entwickelte sich zusehends zu einem städtebaulichen
Schandfleck.
Die Gemeinde rang um eine
Entscheidung - zumal sie als besonderen Anreiz das Haus geschenkt bekam und
nur das 5.800 Quadratmeter große Grundstück erwerben mußte. Insgesamt
wird sie für den Kauf des Landes sowie alle Umbau- und Renovierungsarbeiten
1,5 Millionen Mark investieren müssen - kein Zuckerschlecken für die 122
Mitglieder, die sich außer in Malchin an zwei weiteren Orten versammeln:
Teterow und Dargun. Doch die Summe kann durch Eigenleistungen und weitere
Hilfen noch stark reduziert werden, so daß die Gemeinde ein einmütiges Ja
zu dem Vorhaben fand.
Ohne das Sozialwerk der
Gemeinde wäre jedoch auch dieses große Projekt niemals angegangen worden.
Das Sozialwerk ist aus einer Alkoholikerarbeit entstanden, die ehrenamtlich
bereits seit den 70er Jahren von Gemeindemitgliedern geleistet wurde. Als
Pastor Schlag 1993 in die Gemeinde kam, fühlten die Verantwortlichen sich
herausgefordert, die Arbeit ganz einzustellen oder auszuweiten und damit zu
professionalisieren. Bei seiner Vorstellung fragte ihn eine Schwester, was
er über Alkoholiker dächte. "Ich bin keiner", sagte er keck -
und schämte sich später wegen dieser vorlauten Antwort. Diese Begebenheit
ließ ihn jedoch nicht mehr locker. Immer wieder dachte er über die
Alkoholikerarbeit nach. Und schließlich konnte er darin sogar eine Art
geistliches Berufungserlebnis sehen, sich um abhängige Menschen zu kümmern.
Ein früherer
Gemeindeleiter von Malchin, der Arzt Dr. Martin Bertow, hatte die Arbeit
unter Alkoholikern mit aufgebaut. In seiner Praxis hatte er immer wieder mit
Menschen zu tun, die offenbar zu viel tranken. Ihnen wollte er helfen. Doch
wie? Vorrangig war es, die Betreffenden nach einer Entziehungskur
aufzufangen und in ihrem Leben ohne Alkohol zu stärken. Deshalb rief er
Begegnungsgruppen ins Leben. Eine ähnliche Arbeit entstand in Teterow durch
den dortigen Gemeindeleiter, Günter Engel.
Offiziell gab es zu
DDR-Zeiten gar keine Alkoholprobleme. Im real-existierenden Arbeiter- und
Bauernstaat waren Arbeiter und Bauern von ihrem Dasein so erfüllt, daß für
Sucht kein Platz blieb. Doch die Wirklichkeit sah ganz anders aus. Gerade in
Mecklenburg-Vorpommern sei unheimlich viel getrunken worden, so Pastor
Schlag. Und so konnten die Behörden vor der Sucht nicht völlig die Augen
verschließen. Immer wieder schickten sie Alkoholiker deshalb zur Beratung
und weiteren Hilfe zu den Baptisten.
In Teterow hat die Gemeinde
nach der Wende direkt hinter ihrem Gemeindezentrum in der Innenstadt ein
altes Gebäude erworben und als Kontaktstelle - nicht nur für Alkoholiker -
ausgebaut. Es heißt "Café Haltestelle", benannt nach der
zentrale Bushaltestelle direkt in der Nähe. Hier gibt es ein schickes Café
mit äußerst günstigen Preisen: Ein Glas Cola kostet 30 Pfennig, eine
Tasse Kaffee 70 Pfennig. Schüler können in einem oberen Raum Billard
spielen, während sie auf den Bus warten. Daneben gibt es einen Raum, in dem
sich die Jugendgruppe der Gemeinde trifft. Allerdings bedauert es Pastor
Schlag, daß es zwischen der Gemeinde und den Cafégästen bisher wenig
Kontakte gibt: "Daran arbeiten wir noch." Im Erdgeschoß gibt es Büros,
in denen Suchtberater ihre Hilfe anbieten. Es gibt Einzel-, Familien- und
Gruppenberatung. Betroffene werden von hier bei Bedarf in
Rehabilitationseinrichtungen vermittelt.
Eine der Beraterinnen ist
Herzlinde Graff. Sie hat so etwas wie "Karriere" gemacht, denn früher
war sie selbst alkoholabhängig. Durch den Kontakt zu den Baptisten ist sie
jedoch von der Sucht losgekommen: "Durch die Gnade Gottes kann ich
heute trocken leben." Gerne erzählt sie anderen Betroffenen von ihrem
Weg aus der Sucht.
Die Sucht- und
Drogenberatungsstelle ist inzwischen staatlich anerkannt. Die positiven
Folgen für das Sozialwerk: Die Gehälter werden zu einem großen Teil vom
Staat übernommen. Es gibt ABM-Kräfte und solche, für die Lohnkostenzuschüsse
gezahlt werden. Insgesamt sind im Sozialwerk elf Mitarbeiter angestellt.
Aufgrund dieser Arbeit hat die Gemeinde in Teterow und Malchin - auch dort
unterhält die Gemeinde ein ähnliches Café - einen überaus guten Ruf.
Das hat wiederum positive
Folgen für das neue Bauprojekt in Malchin. Nicht nur, daß die Gemeinde das
Gebäude geschenkt bekam, der Staat hilft indirekt bei den
Renovierungsarbeiten. Land und Kommune schicken immer wieder Sozialhilfeempfänger
vorbei, die nach dem Bundessozialhilfegesetz zu gemeinnütziger Arbeit
herangezogen werden können. Auch straffällig gewordene Bürger können
dort helfen und so eine Haftstrafe abwenden. Die Gemeinde macht mit diesen
Leuten ganz unterschiedliche Erfahrungen. Einige sind ärgerlich über die
ungleiche soziale Situation in Deutschland, die dazu führt, daß sie
arbeiten müssen. Andere sind jedoch froh, daß sie überhaupt noch
gebraucht werden. Und wieder andere kommen sogar freiwillig vorbei und
fragen nach, ob sie helfen dürfen. Zu Hause falle ihnen die Decke auf den
Kopf.
Im kommenden Jahr, wenn die
Gemeinde Malchin 50 Jahre alt wird, soll das neue Zentrum offiziell bezogen
werden. Pastor Schlag ist zuversichtlich, daß der Zeitplan eingehalten
werden kann.
Klaus Rösler (Die
Gemeinde) |